Nahrungsergänzungsmittel Vitamine & Co nützen Älteren kaum

Nur wenige Personengruppen profitieren von einer Supplementierung mit Vitaminen oder Omega-3-Fettsäuren.
Alterungsprozesse des Körpers werden durch diese Substanzen kaum beeinflusst, auch Medikamente wie ASS
sind hier wenig hilfreich, so das ernüchternde Fazit auf dem Kongress für Viszeralmedizin.

Jeder will heute gesund und attraktiv
alt werden, aber nicht
altern. Immer mehr Menschen
greifen daher zu Nahrungsergänzungsmitteln.
Doch weder ist die
stetig steigende Anzahl der Hundertjährigen
auf Nahrungsergänzungsmittel
(NEM) und Medikamente
zur Prävention wie ASS zurückzuführen
noch kann durch den
Konsum dieser Präparate der allgemeine
Gesundheitszustand der Bevölkerung
verbessert werden.
Dies belegen große wissenschaftliche
Studien. Trotzdem steigt der
Verbrauch stetig an: Nach Angaben
des Lebensmittelverbandes Deutschland
e. V. in Berlin wurden im vergangenen
Jahr 225 Millionen Packungen
Nahrungsergänzungsmittel
verkauft (12 Millionen Packungen
mehr als im Vorjahr) zum Wert von
1,44 Milliarden Euro. In den USA
schluckt bereits jeder 3. Einwohner
diese Präparate, was ein rund 28-
Milliarden-Dollar-Geschäft für die
Anbieter bedeutet.
Dieser Trend steht jedoch im
deutlichen Gegensatz zu aktuellen
wissenschaftlichen Erkenntnissen.
Hochrangig publizierte Studien legen
nahe: NEM sind ohne Nutzen
für die Primärprävention.
Nur für ausgewählte Gruppen
„In manchen Untersuchungen zeigen
sich sehr geringfügige positive
Effekte für Nahrungsergänzungsmittel-
Präparate, die man jedoch
gegen die Risiken abwägen muss,
die diese auch haben“, sagte Prof.
Dr. med. Jürgen Schölmerich, ehemaliger
ärztlicher Direktor des
Universitätsklinikums Frankfurt am
Main auf der Pressekonferenz zum
Kongress für Viszeralmedizin 2019
in Wiesbaden.
Nur für wenige Personengruppen
sei eine Substitution mit NEM sinnvoll:
Folsäure und Eisen in der
Schwangerschaft sowie bei Frauen
mit starken Menstruationsblutungen,
Vitamin D bei Älteren und bettlägerigen
Patienten sowie bei verschleierten
Frauen, die kein Sonnenlicht
absorbieren könnten, und Vitamin
B12 für Veganer. „Ein an sich gesunder
Mensch, der sich ausgewogen
ernährt, braucht keine Nahrungsergänzungsmittel“,
so der Experte.
Viel frisches Obst, Gemüse und
Fisch garantierten genug Vitamine
und Mineralstoffe. Wer sich allerdings
primär von Fastfood und industriell
hochverarbeiteten Lebensmitteln
ernähre, steigere sein Mortalitätsrisiko
erheblich: Bei 4 Portionen
aus Burger, Bagels & Co. um
60 %, mit jeder Fastfood-Mahlzeit
mehr um weitere 18 %.
Kürzlich publizierte Studien
zeigten, dass NEM in der Primärprävention
bei kardiovaskulären Erkrankungen
(CVD) und Karzinomen
nicht hilfreich sind (1–3). Eine
Metaanalyse von 49 Studien mit
290 000 Teilnehmern fand für die
Vitamine C, D, K und die Minerale
Magnesium, Selen und Zink sowie
für Eicosapentaensäure (Omega-
3-Fettsäure) keinen Effekt auf die
Mortalität oder das Risiko von
Krebs und CVD. Eine geringe Reduktion
des kardiovaskulären Risikos
erzielten Folsäure und Vitamin
E. Vitamin A erhöhte das Krebsri –
siko, Betacarotin das für Lungenkrebs
bei Rauchern, und Folsäure
das für Prostatakarzinome.
ASS nicht zur Primärprävention
In einer Studie zu Vitamin D (2 000
IU/Tag) und Omega-3-Fettsäuren
(1 Gramm/Tag) zur Prävention von
CVD und Krebserkrankungen an
26 000 Personen fand sich ebenfalls
kein Effekt (4). Anders sehe es bei
der Sekundärprävention mit ASS
wegen des profunden antithrombotischen
Effektes für CVD aus. Da
sei es wirksam. Die Datenlage für
ASS in der Primärprävention sei jedoch
insgesamt ernüchternd, so
Schölmerich. 2018 zeigten mehrere
große Studien (ARRIVE, ASCEND,
ASPREE), dass die vorsorgliche
Einnahme von Acetylsalicylsäure
weder die Wahrscheinlichkeit des
Auftretens chronischer Krankheiten
wie KKH noch die Karzinominzidenz
noch die Mortalität senken
konnte (5–7).
Vielmehr stieg unter regelmäßiger
Einnahme von ASS die Rate der
Blutungen, vorwiegend im Magen-
Darm-Trakt. Um weitgehend gesund
zu altern, empfahl Schölmerich
neben einer ausgewogenen
Mittelmeerkost, Bewegung und die
Koloskopie sowie den regelmäßigen
Hautcheck als Vorsorgeuntersuchungen.
Regine Schulte Strathaus
Literatur im Internet:
www.aerzteblatt.de/lit4319

Hundertjährige auf dem Vormarsch

Immer mehr Menschen erreichen bei guter Gesundheit
ein biblisches Alter. Weltweit sind laut aktuellen UNSchätzungen
derzeit 533 000 Menschen schon 100 Jahre
oder älter, im Jahr 2000 waren es erst 151 000. In
Deutschland leben aktuell, so die Zahlen des Statistischen
Bundesamtes, etwa 16 000 Hundertjährige und
Ältere, im Jahr 2000 waren es erst knapp 6 000. Vor
allem bei Frauen steigt die Lebenserwartung ständig an.
Mehr als jedes 3. im Jahr 2019 geborene Mädchen (37
%) wird ihren 100. Geburtstag erleben, so das Rostocker
Max-Planck-Institut für demografische Forschung. Bei
den Jungen sind es 11 %. Demnach werden 77 % der
neugeborenen Mädchen (59 % der Jungen) ihren 90.
Geburtstag erreichen. Die durchschnittliche Lebens –
erwartung beträgt 94,8 Jahre für die 2019 geborenen
Frauen, 88,6 Jahre für die Männer.